Leben ohne Schmerz
Arm und Schulterblatt von Thomas Scharfenberg wurden bei einem Autounfall völlig zertrümmert, Nerven unwiederbringlich zerstört. Jahrelange kostspielige Behandlungen folgten. Doch vergeblich: Keine Operation und kein Medikament konnten ihm helfen. „Ich hatte nur noch ein Gefühl: Schmerz“, erinnert sich der ehemals erfolgreiche Manager. Selbst elementare Dinge des Lebens wie Essen, Trinken und Schlafen traten in den Hintergrund. „Ich wollte nicht mehr leben. Wenn ich gewusst hätte wie, dann hätte ich es beendet“. Thomas Scharfenbergs Schicksal ist kein Einzelfall: Trotz medizinischen Fortschritts gibt es in Deutschland laut der Deutschen Schmerzhilfe rund acht Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen. Sie peinigt der Rücken, der Kopf, die Hüfte – oder alles auf einmal. Und manchmal ist es einfach nicht mehr auszuhalten: Nach Schätzungen des Grünen Kreuzes begehen in Deutschland jährlich 2.000 bis 3.000 Menschen mit chronischen Schmerzen Selbstmord.
Wenn der Körper Alarm gibt Dabei haben Schmerzen grundsätzlich eine wichtige biologische Funktion. Sie sorgen dafür, dass der gesamte Organismus und das betroffene Organ ruhig gestellt werden, damit die Heilung einsetzen kann. Doch im Gegensatz zum akuten Schutzschmerz, der dem Gehirn ein Warnsignal bei körperlichen Störungen meldet, hat sich der chronische Schmerz von seiner ursprünglichen Funktion gelöst. Er existiert selbstständig. Das Symptom mutiert zur Krankheit. Und die Nervenzellen des Betroffenen melden dem Gehirn mitunter Schmerzen, wo gar keine sind. Ursache sind Nervenzellen, die zu lange und dauerhaft einen Impuls an das Gehirn senden und dadurch den Stoffwechsel verändern. Ist keine Ursache mehr vorhanden, schalten diese Zellen nicht mehr ab, sondern senden weiterhin Schmerzimpulse.
Ärzte konnten nicht helfen Doch nur etwa 60 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen begeben sich in ärztliche Behandlung, vertrauen auf Aspirin und Ibuprofen. Dabei wäre es wichtig, eine frühzeitige, interdisziplinäre Schmerztherapie zu beginnen. Denn die psychischen Veränderungen, die durch das chronische Leid entstehen, beeinträchtigen die Lebensqualität und führen in einen Teufelskreis gegenseitiger Verstärkung, der immer schwerer zu durchbrechen ist. Schon die bloßen Zahlen lassen das Leid erahnen: Durchschnittlich leiden Schmerzpatienten seit neun Jahren unter chronischen oder „chronisch rezivierenden“ (schubweise auftretenden) Schmerzen. Sie haben vergeblich elf Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen konsultiert und drei ergebnislose Krankenhausaufenthalte wegen ihrer Schmerzen hinter sich. Auch die wirtschaftliche Dimension ist erheblich. Denn vier von fünf Schmerzpatienten sind zwar im erwerbsfähigen Alter, aber häufig oder sogar anhaltend arbeitsunfähig. Die Persönlichkeitsveränderung, die sie erleiden, führt zusätzlich zu einer unerträglichen Belastung des gesamten familiären und sozialen Umfelds.
Fachleute sind Mangelware
Um diesen Teufelskreis auf breiter Linie zu durchbrechen, arbeiten Schmerztherapeuten, Psychologen, Krankengymnasten, Apotheker und Betroffene seit 20 Jahren zusammen. Das Forum für ihre Kooperation bildet die Deutsche Schmerzhilfe e.V., die sich als runder Tisch aller mit dem Thema befassten Gruppen begreift. Kernstück ihrer Arbeit ist der Nachweis kompetenter Therapeuten. Einen weiteren Schwerpunkt hat sie im bundesweiten Informationstransfer. „Das am akutmedizinischen Bedarf ausgerichtete Gesundheitssystem hat keine geeignete Antwort auf chronische Erkrankungen“, bemängelt der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Schmerzhilfe e.V., Rüdiger Fabian. Dabei würde gerade in diesem Bereich ein kompetenter Facharzt die Chance auf nachhaltige Besserung garantieren.
Kooperation für Versicherte
Doch der Beruf des Facharztes zur Schmerzbekämpfung existiert noch nicht. Bisher waren solche Therapien fest in der Hand von Anästhesisten. Erst als 1996 der Deutsche Bundesärztetag die Einführung einer Weiterbildungsordnung zur „speziellen Schmerztherapie“ beschloss, ließen sich auch Orthopäden oder Internisten weiterbilden. Um die Entwicklung zu fördern, kooperiert seit September 2005 der Deutsche Ring mit der Deutschen Schmerzhilfe. Gemeinsam werden den Versicherten kompetente Therapeuten in Wohnortnähe vermittelt, Informationsveranstaltungen durchgeführt sowie neue Methoden der Schmerz-Diagnostik und -Behandlung erklärt und bewertet. Auch Telefonsprechstunden und Kontaktvermittlung zu Selbsthilfegruppen gehören zum Angebot.
Manchmal geschehen Wunder Denn eins ist klar: Selbst, wenn sich Schmerzen manchmal nicht völlig beseitigen lassen, so garantieren hochwertige Beratung und Behandlung doch den bestmöglichen therapeutischen Erfolg. Schmerzen lassen sich deutlich lindern und unter Kontrolle bringen. Und manchmal geschehen sogar kleine Wunder: Thomas Scharfenberg etwa fand einen Arzt, der ihm helfen konnte und ihn auch aus seiner Depression holte. Jetzt ist er wieder berufstätig. Und die Schmerzen, die so lange sein Leben überschatteten, sind nur noch eine langsam schwindende Erinnerung.
Quelle: Deutscher Ring. Weitere Informationen: www.deutscherring.de

